News

Diadochenkämpfe
 17.03.15Alexander Gruza 

Einst zerfiel das Reich Alexanders des Großen, weil seine Nachfolger sich nicht darüber einigen konnten, wer das Zepter des illustren Herrschers übernehmen sollte. Stattdessen bekriegte man sich, bis vom mühsam eroberten Mazedonischen Reich nur noch ein Scherbenhaufen übrig blieb.

Die Tischtennisabteilung von Blau-Gelb sieht sich vor einer vergleichbaren Ausgangslage: Hartmut, unser aller Generalissimus, will verhindern, dass seine Abteilung zu einer Gerontokratie mutiert. Er beabsichtigt, im zarten Alter von 75 Jahren seinen Stuhl freizumachen für einen Repräsentanten der Enkelgeneration. Da dies nahezu die gesamte Abteilung umfasst, darf man mit Fug und Recht gespannt sein auf die bevorstehenden Erbfolgeauseinandersetzungen.

Vorbei sind zum Glück die Zeiten, da man sich gegenseitig niedermetzelte, nur um Abteilungsleiter zu werden. In der Tat wäre ein durch solche Unzuträglichkeiten verursachter Mitgliederschwund bedauerlich. Doch ist das Pendel in den vergangenen 2200 Jahren allzu weit in die entgegengesetzte Richtung ausgeschlagen. Zwar will noch immer fast jeder den vakanten Thron besteigen, aber keiner traut sich mehr, dies auch bekannt zu geben. Es herrscht Schüchternheit bis zur Selbstverleugnung. Die auf das Abteilungsleiteramt gerichteten Begehrlichkeiten erschöpfen sich in dumpfem Raunen. Es geht die Furcht um, für seine Kandidatur könne ein jeder Kandidat gebrandmarkt werden.

Sie alle mögen sich ein Beispiel an Alexander dem Großen nehmen, welcher in einem frühen Stadium seiner Kariere vor einem ähnlich gearteten Problem stand: Dem Gordischen Knoten. Aufgefordert, ihn zu lösen, durchschlug er ihn unverdrossen und wurde so zu einer Art Abteilungsleiter in seiner Branche.

Die Diadochen unserer Abteilung mögen also ihrem Ehrgeiz getrost freien Lauf lassen und sich zu erkennen geben, damit die übrigen eine Wahl haben.
Den Mutigen gehört die Welt!

PS
Die rein zufällige Namensgleichheit des Autors mit der historischen Figur werden übelmeinende Zeitgenossen zweifelsohne dazu missbrauchen, dem Chronisten plumpe Propaganda in eigener Sache zu unterstellen. Zu Unrecht, denn man kann nur Chronist oder Akteur sein, nicht aber beides. Der Verfasser dieser Zeilen scheidet mithin aus.
 

Tischtennis 2.0
 17.04.13Alexander Gruza 

Vor einiger Zeit fiel mir ein wortreicher Spielbericht in die Hände. Dort stand, dass eine Mannschaft gekämpft habe, so gut sie konnte, dass bei dem Spiel Zuschauer dabei waren, die was vom Tischtennis verstanden, dass über Netz- und Kantenbälle geschimpft, aber ein Timeout rechtzeitig genutzt wurde, um einem Spieler gute Ratschläge zu geben.
Aus anderer Quelle erreichte mich das Protokoll einer Abteilungsversammlung. Darin war die Rede vom Abteilungsleiter, der die Versammlung eröffnete, den geringen Zuspruch der Abteilungsmitglieder beklagte, den Bericht der Mannschaftsführer über das mittelmäßige Abschneiden ihrer Mannschaften anhörte, erfolgreiche Leistungsträger lobte, den Zustand der Turnhalle beklagte – das übliche eben.

Und nachdem ich mir beide Dokumente zu Gemüte geführt hatte, sagte ich mir, es ist kein Wunder, dass Tischtennis in diesem Teil der Welt eine Randsportart geblieben ist (obwohl es weltweit betrachtet die am meisten betriebene Sportart überhaupt ist!). Was kann das für ein Sport sein, so fragt sich unwillkürlich der Außenstehende hierzulande, wenn er in Deutscher Sprache solcherlei Schrifttum zeitigt? Wer sollte das lesen wollen? Nein, dachte ich weiter, was hier vonnöten ist, das ist eine gründliche Überholung! Tischtennis muss cool, sexy, trendy werden! Wir brauchen ein Update, ein
Tischtennis 2.0!

Das fängt gleich mit seiner Bezeichnung an. „Tischtennis“ birgt etwas kellerraumhaftes in sich, umgeben vom Muff klammer Wände und modrigen Linoleumböden. Etwas Neues muss her, wir schreiben schließlich das 21. Jahrhundert!
Wie wäre es mit „Reflex Sports“!? (aber bitte in Amerikanischer Aussprache) Dynamisch, jung und blitzschnell schiene es dann, ganz auf der Höhe des Zeitgeists.
Als nächstes „Turnhalle“. Eine solche mag eine überaus wohlmeinende Umschreibung jener zugigen Gemäuer gewesen sein, in denen Turnvater Jahn Leibeserziehung betrieb und in welchen die Ausstattung der einer Lagerhalle entsprach. Inzwischen spielen wir aber in Räumlichkeiten mit wasserdichtem Dach, Heizung, elektrischer Frischluftzufuhr, Umkleideräumen nebst Duschen, aus welchen nicht nur kaltes, sondern auch warmes Wasser spritzt – wir spielen in einem „FItness und REcreation Center“, kurz FIRE Center.
Reflex Sports im Fire Center: Tischtennis reloaded!

Unsere “Abteilungsleitung” – lange möge sie uns erhalten bleiben! – ist nicht etwa eine Gestalt aus den Schreibstuben des vorletzten Jahrhunderts und auch kein Bürovorsteher. Der moderne, globale, aufwertende Terminus für eine solch unabdingbare Institution ist natürlich „Leadership“; wo es eine stellvertretende Abteilungsleitung gibt, entsprechend „young Leadership“.

„Mannschaftsführer“ würde man eher bei den Pfadfindern vermuten, die beispielsweise bei den Bundesjugendspielen Kohorten von Schülern vom Ort des Weitsprungwettbewerbs zu jenem des 60-Meter-Laufs geleiten. Zeit- und sachgemäßer wäre eine Umschreibung dieses Personenkreises als „Service Attendants“ der jeweiligen Mannschaft. Allerdings dürfte das das ohnehin schon knappe Personalangebot in diesem Bereich noch weiter ausdünnen. Deshalb ist auch der allgegenwärtige „Assistant Manager“ in Erwägung zu ziehen.

Lob ist bekanntlich ein probates Mittel zur Motivationsförderung. Folglich sollte nicht mehr von den guten oder schlechten Spielern einer Mannschaft gesprochen werden, sondern vor allem von „Outperformern“. So nennt man nämlich auch solche, die zwar auffällig oft verlieren, aber eben nicht ganz so oft wie manche anderen. Die gesamte daniederliegende Finanzbranche besteht hauptsächlich aus Outperformern.
Das bringt mich auf direktem Wege zum nächsten Punkt: Es muss auch die Relegation erörtert und modifiziert werden. Widerfährt diese einer Mannschaft, so soll man ihr den „Abstieg“ nicht auch noch in die schwärende Wunde reiben. Wie wäre es mit der unter gescheiterten Finanzfachleuten gebräuchlichen „Neuorientierung“ oder, besser noch, „Career Transition“?

Andererseits ist es sehr prosaisch, die mutmaßlich Besten eines Vereins schlicht als „Erste Mannschaft“ zu bezeichnen, eine Umschreibung von ähnlicher buchhalterischer Distanziertheit wie „erste Riege“, jede Wertschätzung unterdrückend, von sehnlich erwarteter Bewunderung ganz zu schweigen. Was heute Erste Mannschaft heißt, sollte im Sinne des Motivationszuwachses zum „Exzellenzcluster“ des Vereins erkoren und auch so genannt werden. Dergestalt belobigt wird sie sich, nach Art von Flaggschiffen, als unsinkbar erweisen.

Die Geißel aller Liebhaber unseres Sports sind die Netz- und Kantenbälle. Sie stellen für die Aktiven eine psychische Belastung dar, die Einzelne gelegentlich überfordert. Es gilt daher, diesen Stress abzubauen, beispielsweise, indem man diese Vorkommnisse „On-Edge-Ball“ nennt und ihnen so Thrillerelemente zuspricht, die von der inhärenten Unerfreulichkeit des Ereignisses ablenken.
Im selben Geiste sind Timeouts zu betrachten, die bekanntlich immer in kritischen Phasen des Spiels in Anspruch genommen werden. Die hierbei stattfindende, in aller Regel völlig belanglose kurze Beratung durch ein anderes, meist wohlwollendes Individuum bedarf der Aufwertung: „Vermittlung von Leading-Edge-Wissen und Insights“. Damit ist ein Timeout schlagartig doppelt so effektiv.
Zu beachten ist dabei allerdings, dass das Wort „Kampfgeist“ nicht mehr fällt, welches im Zusammenhang mit einem Sport ohne Körperkontakt befremdlich genug ist. Gemeint ist ja auch nur, der Spieler möge sich doch bitte etwas mehr anstrengen. In pazifistisch gewordenen Gegenden wie der unseren ist stattdessen „Commitment“ angesagt.
Wo dieses vorhanden ist, wünschen sich Beifall heischende Spieler gern entsprechende, sachverständige Zuschauer, die sich jedoch in den unteren Ligen nur spärlich einstellen. Auch sie erheben nämlich Anspruch auf Aufwertung. Darum wird mitnichten einfach zugeschaut, nein, es wird fortan ein „qualifiziertes Monitoring“ durchgeführt. Dies billigt den Zuschauern höhere Wichtigkeit und Gewicht zu und macht ihnen ihre ansonsten bescheidene Rolle etwas schmackhafter.

Weithin unterschätzt wird die Rolle der Spielberichte, die auf der Homepage veröffentlicht werden können. Man kann darin Dritten mehr oder weniger gute Ratschläge erteilen, das eigene Tun rechtfertigen oder auch in geordneter Weise den Spielverlauf schildern. Der Spielbericht erhält auf diese Weise Ventilfunktion, er dient der Psychohygiene. Leider mag niemand einen Spielbericht verfassen. Der Begriff „Spielbericht“ wirkt unbeteiligt und seelenlos, fast wie ein Autopsiebericht. Wenn andererseits die Rede wäre von „Innovativem Storytelling über alle Erlebnisbereiche des Spiels“ dann würde aus einem Tischtennisverein bald ein Club von Literaten werden.

Ein neuralgisches Datum im Kalender von Pingpongspielern ist das, an welchem die Zusammensetzung der Mannschaften in der kommenden Saison festgelegt wird. Das dabei regelmäßig zu beobachtende Gerangel ist auch in Zeiten der TTR-Rangliste nicht ohne weiteres in den Griff zu kriegen. Um potentiell brisante Situationen von vornherein zu entschärfen, sollte man gar nicht mehr über Mannschaftsaufstellungen debattieren, sondern über den „Entwurf einer strategic Roadmap“ sprechen. Dadurch werden die Beteiligten sich nämlich ihrer globalen Verantwortung bewusst und ihre Wünsche und Traumvorstellungen nur noch mit staatsmännischer Zurückhaltung äußern.
Wo ein Mannschaftsaufstellungsbeirat eingesetzt wurde, ist dieser keinesfalls so zu nennen! Denn in dieser Erscheinungsform wirkt er wie ein verwaltungstechnisches Ungeheuer, welches aufrührerische Umtriebe geradezu herausfordert. Voll auf der Höhe der Zeit haben wir ihn bei Blau-Gelb daher „Task Force Table Tennis“ getauft, um dadurch Kraft und Entscheidungsfreude zu suggerieren. Die TFTT wird zwar auch nicht geliebt, aber immerhin toleriert. Es überrascht nicht, dass die Bezeichnung ausgerechnet von einem Deutschlehrer aus unserer Mitte vorgeschlagen wurde.
Regelmäßig wird bei dieser Gelegenheit die Bilanz der abgelaufenen Saison gezogen. Am schwersten haben es dabei die mittelmäßigen Mannschaften, die weder aufsteigen konnten noch vom Abstieg bedroht waren. Niemand hört ihnen zu, keiner will etwas von ihnen wissen, sie sind die Stiefkinder jeder Jahresbilanz. Doch gemach! Auch ihnen gebührt Aufmerksamkeit. Haben sie beispielsweise ihren Platz in der Mitte trotz minderen Talents durch erhöhten Trainingsfleiß erkämpft, könnten sie dies im Spielbericht wie folgt beschreiben: „Unsere sportliche Leitidee wurde zielgruppengenau über alle relevanten Touchpoints hinweg auf den Punkt genau polymorph ausgesteuert.“ Aller Augen und Ohren wären sofort nur noch auf sie gerichtet und sie könnten im nächsten Absatz fortfahren: „Unser bewährtes Spielsystem liefert das Rüstzeug für eine nachhaltige und erfolgreiche Zukunft.“
Wenn das ein paar Youngster lesen, etwa auf einer Zugfahrt von Wanne-Eickel nach Zuffenhausen, dann fällt es nicht schwer sich ausmalen, wie sie darauf reagieren werden: „Guck mal ! Dort ist was los! Da geht die Post ab! Wir steigen in Frankfurt aus und schau`n mal bei Blau-Gelb rein!“
Die Mitgliederzahlen würden sprunghaft ansteigen.

Und, wer weiß, vielleicht wird der SV Blau-Gelb daraufhin noch umbenannt in
„Impact Blau-Gelb“!
 

Aus dem Nähkästchen
 13.07.12Alexander Gruza 

Die Tischtennis-Saison ist lange vorbei, die Fußball-Europameisterschaft ebenfalls. Die Olympiade liegt noch vor uns und die kommende Tischtennisrunde auch. Die Zwischenzeit bietet daher willkommene Gelegenheit, ein wenig aus dem Nähkästchen der Tischtennisspieler zu plaudern, Außenstehenden gewissermaßen etwas Insiderwissen preiszugeben.

Tischtennis ist ein munteres Spiel für zwei Personen nebst zugehörigen Schlägern, einem Zelluloidball, einem großen Tisch und einem diesen in zwei gleiche Hälften teilenden Netz. Im Grunde gibt es nur eine eherne Regel:
Vor dem Hintergrund der unseligen kolonialen Vergangenheit Europas kam man diskret überein, dass nur Asiaten gewinnen dürfen (obwohl diese allem Anschein nach nicht immer wissen, wie man einen Schläger hält).

Es gibt auch eine Tischtennisvariante für vier Spieler, gleichwohl nur „Doppel“ genannt, in welcher vorgeschrieben ist, dass der Ball abwechselnd geschlagen werden muss. Die zwangsläufige Folge dieser Spielart ist, dass man sich permanent im Wege steht. Nicht zuletzt dank ihrer Erfahrungen im bevölkerungsreichsten Land der Erde werden Chinesen auch damit weitaus besser fertig als der Rest der Menschheit.

Sehr im Gegensatz zu anderen Sportarten sind die Anhänger des Tischtennissports oft findige, phantasiereiche Köpfe. Fragt man beispielsweise ein schlichtes Fußballergemüt, warum seine Leistung nicht den Erwartungen entsprochen habe, so wird er antworten, dass er nicht in Form gewesen sei, was immer das bedeuten mag. Allenfalls wird er hinzufügen, dass seine Verletzung noch nicht auskuriert sei. Konfrontiert man hingegen einen Tischtennisspieler mit der gleichen Frage, so wird er eine dermaßen sprühende Phantasie an den Tag legen, dass dem geplagten Zuhörer selbst die Märchen aus tausendundeiner Nacht wie dröges Einerlei vorkommen müssen. Schier unermesslich ist nämlich die Zahl der Ausreden, die Tischtennisspieler sich auszudenken imstande sind. Wer es noch nicht selbst erlebt hat, der lese und staune:
Zu schneller Tisch (in Wirklichkeit ist er natürlich stationär), tropische Luftfeuchtigkeit, niedrige Hallentemperatur, glatter Boden, blendendes Licht, unfaire Zuschauer, unsportliche Gegner (eigentlich ein Vorteil, sollte man meinen), fehlerhafter Frischkleber, mit Haarspray frisierte Noppen (wirklich!), vom Schiri ignorierte Stoppbälle, Unlust, Schlafmangel, Stress (mit wem auch immer), mangelnde Einspielmöglichkeit, illegale Aufschläge (beim Gegner), zu viel Bier (nicht beim Gegner), …

Es würde den Rahmen dieser Homepage sprengen, wollte man eine Aufzählung präsentieren, die auch nur annähernd Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, doch im vorliegenden Zusammenhang besonders hervorzuheben sind die Netz- und Kantenbälle. Sie gehören zu den Launen der Natur und sind die Geißel der Tischtennisspieler. Der sie erleidet, hadert mit seinem Schicksal. Verliert er gar sein Spiel, so sind sie als Erklärung unweigerlich erste Wahl. Mag all dies noch menschlicher Natur entsprechen, so gehört die Reaktion des Gewinners des glücklichen Punktes zu den verhaltenspsychologischen Merkwürdigkeiten des Tischtennisspiels. Er ist nämlich gehalten, beim Geschädigten in möglichst zerknirschtem Ton um Vergebung für seinen Punktgewinn zu bitten. Gleichzeitig liegt seiner Seele jedoch nichts ferner als jedwedes Bedauern über solche Gunst des Schicksals. Bei manchen Spielern wird die Diskrepanz zwischen Wort und Geist überdeutlich zum Ausdruck gebracht, etwa wenn der Profiteur eines Netzrollers mit empor gereckter Faust und Stentorstimme „Enttt-Schuldigung!!!“ brüllt.

Die Psychopathologie des Tischtennissports findet bei den Netz- und Kantenbällen noch längst nicht ihr Ende. Auch der Fetischismus ist unter Tischtennisspielern weit verbreitet. Objekt der affektiven Zuwendungen ist ihr Schläger, der vor und nach jedem Training mit einer speziellen Reinigungsflüssigkeit eingesprüht oder eingeschäumt wird, um hernach liebevoll mit einem weichen, lederummantelten Schwämmchen abgetupft und –gerieben zu werden. Der Belag wird sodann sorgfältig in Augenschein genommen und seine Griffigkeit geprüft, indem mit der Fingerkuppe sehr sanft über die Oberfläche gestrichen wird. Gelegentlich zu Punktspielen begleitende Freundinnen und Ehefrauen verfolgen diese Prozedur ihrer Männer stets mit einem träumerisch-neidvollen Blick.

Vielfältig wie das Leben selbst sind die scheinbar so gleichförmig daherkommenden Tischtennsschläger. Das fängt beim „Holz“ an, also dem Schläger ohne seine Beläge. Da gibt es weiches Holz, hartes Holz, schnelles, langsames, defensives, offensives, alround Holz, Samba-, Limba-, Balsaholz, Hölzer mit verschiedenen Holzschichten, Hölzer ohne Holz (stattdessen Kohlefaser), gleiche oder unterschiedliche Verleimungen, kopflastige oder ausbalancierte Hölzer, mit oder ohne Ausgleichgewichten im Griff, gerade Griffe, konkave Griffe, anatomische Griffe, hohle Griffe, in Kammern geteilte Griffe, …
Und dann die Beläge, des Tischtennsspielers liebstes Kind: Es existieren Beläge mit dickem oder dünnem Schwamm, bisweilen sogar ganz ohne Schwamm; Beläge mit Noppen innen oder außen; in letzterem Falle gibt es lange oder kurze Noppen, griffige oder auch nicht; wo die Noppen innen liegen, gibt es schnelle oder langsame Oberflächen, mit viel Spin oder noch mehr Spin, aber auch Antitopspin.
Die Sache wird nicht einfacher dadurch, dass die Beläge ihre Eigenschaften bei entsprechender Nutzung in kürzerer Zeit wieder verlieren als der Spieler braucht, um sich an sie zu gewöhnen. Eine ganze auskömmliche Industrie bedient diese Materialschlacht.

Geradezu einer Majestätsbeleidigung kommt es gleich, Tischtennis als „Pingpong“ zu verunglimpfen. Es handelt sich dabei um eine lautmalerische Umschreibung aus einem Zeitalter, da die Spieler noch in langen Hosen mit Hosenträgern und Strumpfhaltern antraten und die Bälle im Kontakt mit den schwammlosen Schlägern – bloße Sperrholzscheiben mit Stiel – ein penetrantes „pong“ erzeugten. Tischtennis glich damals sehr viel mehr einem archaischen Tanz als einer Olympischen Disziplin.
Tischtennisspieler spielen heute kein „Pingpong“ mehr und keiner von ihnen möchte an die Zeit der Barbarei erinnert werden.
 

Vom Spiel der ersten Mannschaft gegen Darmstadt 98...
 09.10.11Pierre Aden 

... gibt es ein paar bewegte Bilder:

 

Goethe und die vierte Mannschaft
 03.10.11Alexander Gruza 

Die Vierte war Ende letzter Woche gegen Bergen-Enkheims 6.Mannschaft gefordert; mal wieder ein Spitzenspiel, doch diesmal der umgekehrten Art: Wir noch sieglos, die Bergen-Enkheimer gar punktlos. Der Verlierer würde als designierter Absteiger gebrandmarkt werden.
Es wurde ein wahrhaft faustisches Ringen.
Außenstehende mögen derlei Umschreibungen für die belletristische Überhöhung einer prosaischen sportlichen Amateurveranstaltung halten. Darum sieht sich der Chronist veranlasst, die begriffgebende Autorität in dieser Sache anzurufen: Unser Johann Wolfgang von Goethe.

Unter all den bedeutungsvollen Dingen, die der Herr Geheimrat schrieb, mögen seine Beiträge zum Tischtennisspiel nicht die herausragendsten gewesen sein. Doch liest man seine Werke mit dem rechten interpretatorischen Einfühlungsvermögen, so gewinnt man schnell den Eindruck, er könnte ein Mitglied der 4. Mannschaft von Blau-Gelb gewesen sein.
Man lese und staune:

„Das Unzulängliche, hier wird´s Ereignis.“

Goethe war offenbar ein feinsinniger, zurückhaltender Mensch. Denn in Wirklichkeit gebärdeten sich die Spieler der Vierten an der Platte wie ungeschlachte Holzfäller, denen die Handhabung einer Bratpfanne erkennbar näher lag als die eines Tischtennisschlägers. Nach den Doppeln lagen wir mit 0:3 zurück, ein zuverlässiger Indikator für den Ausgang des Mannschaftskampfes. Unterhalb des ersten Paarkreuzes wurde die Linie konsequent fortgesetzt und ehe man sich versah, stand es leistungsgerecht 8:2 für die Gegner. Nun würde der Chronist gerne berichten, dass ein Weckruf ertönte, ein Ruck durch die Mannschaft ging – selbstverständlich mit den üblichen, aus Sportzeitschriften bekannten Folgen. Dem war nicht so. Vielmehr gingen wir weiterhin zur Platte wie die Ferkel zur Schlachtbank. Doch auf wundersame Weise sammelten wir nun Punkt auf Punkt, die Bankrotteure der ersten Spiele wurden unverhofft zu Gewinnern und weder die Gegner noch wir selbst vermochten zu sagen, wodurch sich das Blatt gewendet hatte. Beim Schlussdoppel gab es dann kein Halten mehr: Das gegnerische Spitzendoppel wurde von der Platte gefegt. Um es wiederum mit Goethe zu sagen:

„Das Unbeschreibliche, hier ist´s getan.“

In der Umkleidekabine wurde, nicht ganz unverständlich, der Gedanke laut, dies sei eine ausgezeichnete Gelegenheit, gemeinsam ein Bier – oder zumindest einen Kräutertee – zu goutieren. Dies kam nur teilweise zustande, denn die übrigen erklärten sich für indisponiert. Man sei beispielsweise noch mit Kumpels verabredet. Mag sein; es gibt Freitag abends für junge Männer zweifelsohne unterhaltsamere Verlockungen als den Konsum von Mineralwasser ohne Kohlensäure. Um Goethe in seiner Weisheit das Schlusswort zu überlassen:

„Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“
 


Erste Seite | < Zurück | Vorwärts > | Letzte Seite

1 2 3 4 5 6 7 8 9